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Dr. Andreas Meyer-Heim, Chefarzt Rehabilitationszentrum Affoltern am Albis

«Die Forschung hat uns starken Rückenwind gebracht»

Forschung nimmt in unserem Rehabilitationszentrum eine zentrale Rolle ein. Die Behandlungsteams arbeiten mit Robotik, virtueller Realität und einem Ganglabor – mit grossem Effekt für die Patienten. Chefarzt Andreas Meyer-Heim im Gespräch.

 

Herr Meyer-Heim, wie profitieren Patientinnen und Patienten im Rehabilitationszentrum Affoltern am Albis (RZA) von der hauseigenen Forschung?

Auf verschiedene Arten. Die eine ist, dass wir die neuen Therapiemethoden und Technologien, wie etwa die robotische Therapie, hier entwickeln und den Kindern unmittelbar als Therapie zur Verfügung stellen können. Forschung und klinische Implementierung sind verzahnt: Da sich die Therapeuten auch an der Therapieentwicklung beteiligen, sind die Therapien perfekt auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt.

 

Die Forschung am RZA ist noch relativ jung. Mit welchem Projekt haben Sie begonnen?

2005 konnten wir mit dem Spendenerlös des Kispi-Balls den ersten Kinder-Lokomaten, einen Gangroboter, finanzieren. Dies rief förmlich nach einer Begleitforschung, weshalb wir eine erste Forschungsgruppe gründeten. Zuerst haben wir eine Forschungsphysiotherapeutin zu 60 Prozent eingestellt, 2010 konnten wir dank der Unterstützung durch die Mäxi-Stiftung Prof. Huub van Hedel als Forschungsleiter verpflichten. Mittlerweile umfasst die Forschungsabteilung wechselnd über 20 Personen, bestehend aus Postdocs, Doktoranden, Masterstudenten und festangestellten Forschenden.

 

Durch die Forschung hat sich am RZA einiges verändert.

Ja, unsere Forschungsgruppe hat uns starken Rückenwind gebracht. Die Qualität unserer Reha-Massnahmen insgesamt ist gestiegen: So haben etwa auch die nicht-robotischen Therapie-Disziplinen den Nutzen von Messungen entdeckt und wollen nun ebenfalls wissen, welche Wirkung ihre Therapie hat. Ein weiterer Vorteil ist die erhöhte Wahrnehmung: Seit unsere Forschungsgruppe besteht und wir Erfolge messbar machen, konnten wir uns viel besser positionieren.

 

Unterscheidet sich denn die Rehabilitation für Kinder stark von der für Erwachsene?

Der wichtigste Unterschied ist, dass Kinder einen spielerischen und altersgerechten Zugang brauchen. Altersgerecht bedeutet in unserem Fall, dass die Therapie eine Bandbreite von 0 bis 18 Jahren abdecken muss. Das heisst, wir brauchen jedes Therapiegerät in verschiedenen Grössen. Erwachsenengeräte müssen wir miniaturisieren und die Spielideen an den kognitiven Stand der Kinder anpassen. Die Kunst der Therapeuten besteht darin, die Kinder für die aktive Teilnahme an den Therapien zu motivieren – da helfen neue Technologien, wie etwa Computerspiele, natürlich sehr. Sie erlauben uns, die Intensität und Frequenz der Rehabilitationsmassnahmen zu steigern und mit unseren knappen personellen Ressourcen haushälterisch umzugehen.

Repetitive Übungen zur Verbesserung des Faustschlusses sind zum Beispiel für Kinder eher langweilig. Um die Handfunktion zu trainieren, haben wir deshalb ein Spiel entwickelt, bei dem die Patienten virtuelle Moorhühner jagen müssen, indem sie einen Joystick zusammendrücken. Dabei erreichen sie gut 3000 Repetitionen eines Faustschlusses in 70 Minuten, ohne dass wir sie gross motivieren müssen.

 

Warum betreibt das RZA selbst Forschung? Ist es für die Medtech-Industrie schlicht zu wenig profitabel?

Der Hauptgrund ist der, dass wir hier gemeinsam mit den Therapeuten sehen können, was die Kinder brauchen. Dabei arbeiten wir sehr wohl mit der Medtech-Industrie zusammen. Was aber wichtig ist zu erwähnen: Die Medtech-Industrie gibt uns kein Geld, wir haben bisher für jedes Gerät bezahlt – auch vor dem Hintergrund, dass wir in der Forschung unabhängig sein wollen.

 

Möglich machen dies private Spender…

Genau. Das gesamte Personal für unsere Forschung, sämtliche Therapiegeräte und die Gebäudehüllen können wir nur durch Spenden von Privatpersonen und Stiftungen finanzieren.

 

Möchten Sie die Forschung weiter ausbauen? Inwiefern?

Forschung und Entwicklung darf nie stehenbleiben. Aus der Klinik heraus kommen immer wieder Fragestellungen auf, die wir dann in ein Forschungsprojekt einfliessen lassen. Momentan sind wir daran, das Training zu verbessern. Die Robotik zum Beispiel hat enorm viel Potential: So wäre es etwa wünschenswert, dass die Patienten die Therapiegeräte auch standortunab­hängig anwenden könnten. Es bräuchte also ein mobiles Gang-Exoskelett für Kinder. Ausserdem wären wir daran interessiert, die Formbarkeit des Gehirns, die Neuroplastizität, mit Medikamenten zu unterstützen. Aber das ist momentan Zukunftsmusik.

 

Stichwort Neuroplastizität: Haben Sie in der Kinderrehabilitation auch schon Wunder erlebt?

Das Gehirn ist das komplexeste Organ des menschlichen Körpers, und wir staunen immer wieder, wie das kindliche Gehirn sich erholen kann: Manchmal erholen sich sogar diejenigen Kinder wieder, bei denen wir es zu Beginn kaum gewagt hatten, solche Erfolge vorauszusagen. Wir freuen uns natürlich mit den Kindern und ihren Eltern enorm über diese Fortschritte!

 


Lesen Sie das ausführliche Interview mit Dr. Andreas Meyer-Heim in unserem Forschungsmagazin 2019 (S. 6-9).