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Liam: Bis zum letzten Atemzug

Liam kämpfte sich immer wieder ins Leben zurück, trotzte dem aggressiven Blutkrebs. Der kehrte jedoch zurück  und raubte dem kleinen Jungen die letzte Kraft.

«Wann können wir wieder nach Hause?», wollte Liam von seinen Eltern Thomas und Tiffany wissen. Zu diesem Zeitpunkt sass der fast zweijährige Knabe eingekuschelt zwischen seinen Eltern auf dem gemütlichen Sofa im grossräumigen Wohnzimmer. «Mit Zuhause meinte er damals das Patientenzimmer im Kinderspital», erklärt sein Vater Thomas heute. Dort hatte Liam sein halbes junges Leben verbracht.

Mit Nasenbluten in den Notfall

2015 hatte die Familie den Atlantik überflogen, um drei abenteuerliche Wochen in South Carolina, USA zu verbringen. Doch war Liam, damals knapp 1.5 Jahre alt, ungewöhnlich energielos, blass, er zeigte keinen Appetit. Zurück in der Schweiz fing seine Nase an stark zu bluten. Im Notfall des Kinderspitals Zürich versorgte man den Jungen, vermutete einen Infekt, entnahm im Blut. Nur wenige Minuten später zog die Diagnose der Familie den Boden unter den Füssen weg.

Immer füreinander da

Leukämie. «Ich brach in diesem Augenblick zusammen, weinte. Tiffany behielt die Fassung und zeigte sich entschlossen: Was können wir tun, um das Leben unseres Sohnes zu retten?», erinnert sich Thomas zurück. Es war der erste von vielen Tiefschlägen, die das junge Paar verkraften würde. Immer wieder würden sie sich aufrappeln, gegenseitig Mut machen, weiterkämpfen.

Vertrauen ins Kinderspital

Liam war noch zu jung, um zu verstehen, dass es um sein Leben ging. Er liess die Behandlungen tapfer über sich ergehen. Die erste Chemotherapie wirkte jedoch nicht wie erhofft. Tests ergaben darauf, dass Liam unter einer seltenen und besonders aggressiven Art von Blutkrebs litt.

«Doch wir wussten unseren Sohn in den besten Händen, vertrauten Dr. Michael Grotzer, seinem Ärzte-Team und den Pflegefachkräften», sagen die Eltern und fügen an: «Sie unternahmen alles Erdenkliche, um unseren Sohn zu retten.»

An guten Tagen sauste Liam durchs Spital

Tiffany verbrachte jede Minute bei ihrem Sohn, pflegte und wusch, spielte und tröstete ihn. Die Tage waren lang und eintönig. Thomas besuchte seinen Sohn morgens früh, noch vor der Arbeit, schaute kurz über Mittag und dann am Abend wieder vorbei. Der Alltag der Eltern drehte sich nur um Liam. «An guten Tagen schwatzte er ungehemmt mit den Pflegefachfrauen, sauste mit einem Bobbycar durch die Gänge, krabbelte auf dem Boden herum und lachte viel», erinnert sich Tiffany. Er zeigte den Eltern, dass er das Leben liebte und gab ihnen so die nötige Kraft durchzustehen.

Nach jedem Tiefschlag kämpft er sich zurück

Die Wochen vergingen. Auf eine hochdosierte Chemotherapie reagierte Liams Körper mit einem allergischen Schock, die Behandlung wurde kurzzeitig unterbrochen. Gleichzeitig wuchs in seiner Lunge ein Pilz heran, nagte an seiner Brustwand, behinderte seine Atmung. Er musste chirurgisch entfernt werden. Liam fand langsam zu Kräften zurück. Sein Leben spielte sich unterdessen im Kinderspital ab. Die Aussenwelt geriet in Vergessenheit. An die Behandlungen hatte sich der Junge gewöhnt.

Er machte keine Anstalten, als er Tag und Nacht einen Rucksack tragen musste, in welchem sich Geräte befanden, die Antikörper in sein Blut einschleusten. Auch nicht, als er wochenlang in der Isolationskabine bleiben musste, wo er sich von der Stammzellentransplantation erholte, die Wirkung zeigte: Der Krebs war endlich weg, die Familie konnte nach Hause.

Zurück in den USA, wo alles begonnen hatte

«Kaum drei Monate später sass ich in einem Geschäftsmeeting, als mein Handy vibrierte. Tiffany. Ich unterdrückte den Anruf. Eine SMS blinkte auf: Melde dich!!», erinnert sich Thomas.

Rezidiv – ein Wort, das in Liams Krankenakte häufig auftaucht. Ein Wort, das die niederschmetternde Nachricht umschreibt, dass der Krebs zurückgekehrt ist. Unerwartet. Aggressiv. Auch dieses Mal.

Tiffany und Thomas entschieden sich mit den Spezialisten des Kinderspitals für einen weiteren Versuch: Eine Car-T-Zelltherapie sollte ihrem Jungen das Leben retten. Nur wurde diese innovative Methode in der Schweiz noch nicht angewendet. Das Kinderspital suchte deshalb im Ausland nach einer Lösung und wurde fündig: In Seattle, USA, nahm man Liam im Rahmen einer Studie zur Behandlung auf.

Die letzte Kraft reichte nicht aus

455’000 Franken mussten die Eltern für die Therapie in Seattle aus der eigenen Tasche finanzieren. Mithilfe eines Kredits und dank der Unterstützung ihrer Eltern brachten sie die Summe zusammen und flogen mit Liam nach Seattle. Die Gesundheit des Jungen verschlechterte sich, eine erneute Chemotherapie vertrug er nicht, seine Nieren streikten. Doch obwohl seine Energie schwand, kämpfte Liam weiter, zeigte Lebenswillen. Die amerikanischen Spezialisten setzten die Therapie mit Car-T-Zellen fort.

Und sie wirkte. Liam besiegte nach zweijährigem Kampf den Krebs. Doch war sein Körper entkräftet, die Nebenwirkungen der Therapie verursachten Entzündungen, setzten dem Jungen zu. Die Krankheit forderte ihren endgültigen Tribut.

Am 6. Mai 2018 schlief Liam für immer ein – nur wenige Tage vor seinem dritten Geburtstag.