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Pflegefachfrau von psychosomatisch-psychiatrischen Therapiestation im Interview

„Als ich noch nicht Mami war, konnte ich mich besser abgrenzen“

Tamara arbeitet als diplomierte Pflegefachfrau auf unserer Psychosomatisch-Psychiatrischen Therapiestation. Weshalb sie weder Malerin noch Therapeutin wurde und heute auch von ihren Patientinnen und Patienten einiges lernt, hat sie uns erzählt. 

Autorin: Gabriella Alvarez-Hummel

 

In der Sek wusste ich bereits, dass ich ins Spital gehen würde, habe aber trotzdem noch bei einem Maler geschnuppert. Das war gar nichts für mich. Malen auf dem Papier, okay, aber Wände, nein.

Mein Berufsweg startete im Kinderspital Zürich: 2006 habe ich die Ausbildung zur Fachangestellten Gesundheit gemacht. Ein paar Jahre später habe ich ein Physiotherapie-Studium begonnen, welches ich jedoch nach zwei Jahren abbrach – um zurück ins Kispi zu gehen. Warum? Es war beides: eine Entscheidung gegen die Physiotherapie und eine für den Pflegeberuf. Mir fehlte das Ganzheitliche in der Physio. In der Pflege hat man mehr Spielraum, um ganzheitlicher zu arbeiten. Mittlerweile habe ich schon auf vielen Abteilungen im Kinderspital gearbeitet.

 

Ausgeprägtere Empathie

Mit den Klischees rund um den Pflegeberuf werde ich persönlich eher weniger konfrontiert. Vielleicht, weil ich mit Kindern arbeite. Da höre ich einfach oft: «Ui, das könnte ich nicht!» Klar, es ist auch etwas anderes, und für mich umso spannender. Früher, als ich noch nicht Mami war, konnte ich mich besser abgrenzen. Ich habe die schlimmen Schicksale einfach nicht so nah an mich rangelassen. Heute kann ich das nicht mehr so gut. Auf der Onkologie zu arbeiten fände ich jetzt schwierig. Es wäre anspruchsvoll, sich nicht die Frage zu stellen: Wie wäre das, wenn mein Kind hier wäre? Auf jeden Fall ist meine Empathie gegenüber den Eltern sicher ausgeprägter, seit ich selbst eine von ihnen bin. Auf der Psychosomatisch-Psychiatrischen Therapiestation, wo ich jetzt arbeite, habe ich allerdings weniger Probleme damit. Vielleicht auch deshalb, weil meine Kinder noch keine Jugendlichen sind.

Wenn ich einem Fremden erklären muss, worin meine Arbeit besteht, erkläre ich zuerst, welche Art von Jugendlichen wir auf der Therapiestation haben: Das sind oft solche mit einer Essproblematik oder mit psychosomatischen Beschwerden. Meine Arbeit hat hier weniger mit klassischer Pflege zu tun, dafür umso mehr mit Sozialem, mit Beziehungsgestaltung, Krisenbegleitung. Mir gefällt, dass wir mit den 13 Jugendlichen hier viel Zeit haben, im Gegensatz zu einer Akutabteilung.

Pflegefachfrau von psychosomatisch-psychiatrischen Therapiestation mit Patientin

Voneinander lernen

Was ich sehr schön finde, ist: Die Jugendlichen profitieren nicht nur von mir, sondern ich auch von ihnen. Ich lerne viel fürs Leben und über Kommunikation. Zum Beispiel, dass es wichtig ist, Dinge anzusprechen. Der Mensch versucht ja oft, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Das geht hier nicht. Man muss schwierige Themen ansprechen.

In der Pflege zu arbeiten, ist sehr streng. Das ist vielen Menschen noch immer nicht bewusst. Als ich noch Vollzeit arbeitete, nahm mich das schon sehr ein: die Schichtwechsel einerseits, aber auch die Verantwortung ist nicht zu unterschätzen. Darüber zu reden hilft sehr. Man muss gut auf sich schauen und einen Ausgleich suchen. Ich habe jetzt zwei kleine Kinder: Sie sorgen auf jeden Fall dafür, dass ich in Bewegung bleibe. Wenn es die Zeit erlaubt, möchte ich wieder ins Orchester gehen. Diese gemeinsame Zeit vermisse ich.

Für die Zukunft der Pflege wünsche ich mir, dass wir wieder mehr Zeit für den Menschen haben, welcher oft im Fokus der Krankheit in Vergessenheit gerät – und mehr Anerkennung für diese verantwortungsvolle Arbeit, die wir tagtäglich meistern.

 

Voneinander lernen

Was ich sehr schön finde, ist: Die Jugendlichen profitieren nicht nur von mir, sondern ich auch von ihnen. Ich lerne viel fürs Leben und über Kommunikation. Zum Beispiel, dass es wichtig ist, Dinge anzusprechen. Der Mensch versucht ja oft, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Das geht hier nicht. Man muss schwierige Themen ansprechen. In der Pflege zu arbeiten, ist sehr streng. Das ist vielen Menschen noch immer nicht bewusst. Als ich noch Vollzeit gearbeitet habe, hat mich das schon sehr eingenommen: die Schichtwechsel einerseits, aber auch die Verantwortung ist nicht zu unterschätzen.

Darüber zu reden hilft sehr. Man muss gut auf sich schauen und einen Ausgleich suchen. Ich habe jetzt zwei kleine Kinder, die sorgen auf jeden Fall dafür, dass ich in Bewegung bleibe. Wenn es die Zeit erlaubt, möchte ich wieder ins Orchester gehen. Diese gemeinsame Zeit vermisse ich.